Herzlich Willkommen auf der Webpräsenz der Ev. Luth. St. Laurentius-Kirchengemeinde Kaierde. Wir informieren Sie hier über bevorstehende Veranstaltungen und berichten über Vergangenes. Die Termine der Gottesdienste können Sie unserem Predigtplan entnehmen, diese werden nicht mehr in unserem Kalender gepflegt. Sollten Sie Fragen zu uns, zur Kirche oder zur ehrenamtlichen Arbeit in der Kirchengemeinde haben, können Sie uns gerne kontaktieren.

Die Krise hat uns Demut gelehrt

Wenn die schlimmsten Folgen der Corona-Pandemie überstanden sind, wird Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Rede an die Nation halten. Die Journalistin Ute Scheub hat ihr schon mal ein Manuskript geschickt

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Ich wende mich heute an Sie, weil wir endlich die schlimmsten Auswirkungen der Corona-Krise überwunden haben. Von Herzen möchte ich allen Helferinnen und Helfern danken, besonders denen in den systemrelevanten Berufen im Gesundheitswesen, den Pflegeheimen, in Erziehung und Bildung, den Kassiererinnen in den Supermärkten, den Müllmännern und allen anderen. Die Bundesregierung hat die vergangene Zeit genutzt, um in einem intensiven Online- und Offline-Dialog Ihre Wünsche und Vorschläge zur Neuordnung unseres Gemeinwesens entgegenzunehmen.
In dem Programm, das ich jetzt vorstelle, ist vieles davon eingeflossen. Ich verspreche Ihnen, dass wir auch in Zukunft mehr auf Sie hören werden. Zunächst zum Gesundheitswesen. Wir haben die Krise im internationalen Vergleich zwar besser als andere gemeistert, aber zufrieden können wir dennoch nicht sein. Wir haben viel getestet und Intensivbetten aufgestellt, wir hatten aber nicht genug Pflegekräfte, und diese waren völlig überlastet. Viele haben Leben gerettet — und wurden dennoch menschenunwürdig bezahlt. Das lag vor allem an der Privatisierung des Gesundheitswesens. Krankenhäusern und Pflegeheimen war es vor 1985 gesetzlich verboten, Gewinne zu rnachen, heute werden die meisten dazu gezwungen — mit der Folge von Unterbezahlung und Überlastung. Das müssen wir rückgängig machen. Wir müssen diejenigen zurückgewinnen, die deshalb in andere Arbeitsbereiche abgewandert sind. Dann brauchen wir auch keine polnischen Pflegekräfte oder philippinischen Krankenschwestern mehr, die in ihren Ländern teuer ausgebildet wurden und nun dort fehlen.
Kliniken, Seniorenheime und Ähnliches gehören in die öffentliche oder kommunale Hand. Kliniken und Ärzte sollten nicht nach Fallpauschalen, sondern nach Zeitaufwand für Patienten bezahlt werden. Wir wollen Pflegepersonal nach skandinavischem Vorbild wesentlich besser ausbilden und bezahlen. Wir brauchen keine Pflege, bei der festgelegt wird, wie viele Minuten zum Wechseln eines Verbandes nötig sind. Pflege ist doch keine Fließbandarbeit! Die Corona-Krise hat uns Demut gelehrt – auch Demut vor der Natur. Virologen warnten seit 2003, dass Pandemien umso wahrscheinlicher werden, je mehr wir Ökosysteme zerstören und Urwälder abholzen, etwa für Palmölplantagen oder gentechnisch verändertes Soja.
Wildtiere, die ihrer natürlichen Umgebung beraubt werden, drängen wir so in Städte, wo sie Viren auf Menschen übertragen. Covid-19, Ebola, Aids, Dengue- und Westnilfieber, Hanta, Lassa, Zika, Vogelgrippe, SARS, MERS – alle diese gefährlichen Viren-Krankheiten sprangen von Tieren auf Menschen über. Hinzu kommen multiresistent gewordene Bakterien, die in Deutschlands Kliniken rund 33.000 Tote fordern – jährlich!
Wenn wir die nächste Pandemie verhindern wollen, dann müssen wir an die Ursachen heran. Wildtiermärkte müssen weltweit verboten werden. Das Zerstören etwa des indonesischen Urwalds zugunsten von Palmölplantagen muss ebenso aufhören wie die Rodung des Amazonas zugunsten von Gen-Soja als Tierfutter. Jeder Einzelne kann dabei mithelfen, indem er kein konventionell erzeugtes Fleisch und keine Fertigprodukte mit Palmöl mehr kauft. Wir als Bundesregierung werden die gefährliche Massentierhaltung als Hauptquelle multiresistenter Keime sukzessive verbieten.
Landwirte, die Ställe tierfreundlich umbauen, bekommen Unterstützung. Ich werde mich dafür einsetzen, dass EU-Agrarsubventionen vor allem an jene gehen, die Humus aufbauen und CO2 in Boden speichern, regionale Lebensmittel liefern, Wasser und Artenvielfalt schützen, indem sie ohne Pestizide und Kunstdünger wirtschaften. Wie wir aus den Online-Konsultationen mit Ihnen wissen, unterstützen 80 bis 90 Prozent von Ihnen eine solche Agrarwende. Um die nächste Pandemie zu verhindern, müssen neben Gesundheits- auch Klima- und Artenschutz zur obersten Priorität werden. Städte, Verkehrs- und Energiesysteme brauchen einen Totalumbau. Sie müssen klimafreundlich werden. Auch hier wissen wir aus den Online-Konsultationen, dass eine große Mehrheit von Ihnen dies unterstützt.
2008 haben wir Banken statt Menschen gerettet. Das war ein großer Fehler, den wir nicht wiederholen wollen. Wir brauchen einen ökosozialen Neustart unserer Wirtschaft und einen weltweiten Schuldenerlass. Diesmal vergeben wir Kredite und Zuschüsse nur als Hilfe zum ökosozialen Umbau. Wir dürfen nicht länger von Lieferketten rund um den Globus abhängig sein. Wir brauchen Glokalisierung statt Globalisierung, eine krisenfeste Wirtschaft mit reparatur- und klimafreundlichen Gütern in den Regionen. Das schafft sinnvolle Arbeitsplätze vor Ort und schont Ökosysteme. Die Flugzeug-, Auto-, Tourismus- und Rüstungsindustrie bekommt nur dann Subventionen, wenn sie Pläne vorlegt, wie sie ihre Flotten und Schiffskolosse klimafreundlich umsteuern will. Schwerter zu Pflugscharen, SUVs zu Staubsaugern!
2008 haben wir EU-Krisenländer zu einer Sparpolitik gezwungen, die im Nach-hinein gesehen kontraproduktiv war. Auch das wollen wir nicht wiederholen. Wir werden ihnen mit Corona-Bonds helfen, um ein Neuaufflammen der Eurokrise zu verhindern — und womöglich einen Wahlsieg des rechtsradikalen ­Matteo Salvini. Und eine »Koalition der Willigen« wird Flüchtlinge aus griechischen Lagern aufnehmen — in willigen Kommunen, leerstehenden Hotels und auf Kreuzfahrtschiffen. Um die hohen Kosten zu stemmen, werden wir alle umweltfeindlichen Subventionen abschaffen, etwa für Flugbenzin und Dienstwagen; das spart allein in Deutschland rund sechzig Milliarden Euro. Wir werden einen Großteil der Finanzspekulationen verbieten, Reichensteuern einführen, Steuern auf Arbeit senken und auf CO2- und Ressourcenverbrauch erhöhen. Im »New Deal« in den USA bezahlten Superreiche ab den 1930er Jahren zeitweise bis zu neunzig Prozent Steuern. Diese Umverteilung des Reichtums hat eine ­große Mittelklasse entstehen lassen und das Abdriften perspektivloser Menschen in den Rechtsradikalismus verhindert.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger – ich lade Sie alle herzlich ein zur ökosozialen Neuordnung Deutschlands. Jetzt ist die beste Gelegenheit, die schädliche Hyperdynamik der konzerngesteuerten Globalisierung zu stoppen und eine neue Solidargemeinschaft zwischen Menschen und Natur zu gründen. Ich danke Ihnen (aus: Publik-Forum 5.2020, Dossier)